Tolmezzo (Nord-Italien) März 2026
Ein Stromausfall in einem Pumpwerk in Norditalien sorgte für eine dreitägige Unterbrechung des Rohöltransports in Raffinerien in Süddeutschland. Offenbar waren Profis am Werk.
Tolmezzo – Die transalpine Erdölpipeline TAL führt vom Adriahafen Triest im Norden Italiens über die Alpen nach Ingolstadt und Karlsruhe. Sie hat Abzweige nach Neustadt an der Donau, Burghausen, Wien-Schwechat (Österreich) und Litvinov in Nordtschechien und versorgt die Raffinerien in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg sowie in Österreich und Tschechien zu 100 Prozent mit dem Rohstoff. Dort werden aus dem Rohöl Benzin, Heizöl, Diesel, Asphalt oder Kerosin hergestellt. Ausgerechnet in einer Phase, in der aufgrund des Iran-Kriegs Kraftstoff bereits knapp wird, sorgte ein umgeknickter Strommast nahe dem Ort Tolmezzo in der Nähe von Udine für Aufregung. Ein Anschlag wird vermutet.

Über die 132-Kilovolt-Hochspannungsleitung, zu der der Mast Nr. 416 gehörte, wird ein Pumpwerk der transalpinen Pipeline 12 Kilometer weiter nördlich beim Dorf Paluzza, nahe der österreichischen Grenze, versorgt. Nur den Reserven der Raffinerien in Tanks vor Ort war es zu verdanken, dass es zu keinen Produktionsausfällen kam. Nach drei Tagen war der Strommast repariert und die Stromversorgung für das Pumpwerk wiederhergestellt. Der Fall erinnert auch an den Anschlag auf das Stromnetz in Berlin.
Italienischer Sender zeigt Video, das eindeutig auf Spuren von Sabotage hinweist
Der Betreiber der TAL-Pipeline auf italienischer Seite, die S.I.O.T. spa, hatte am Samstag dementiert, dass die Pipeline Ziel eines Anschlags geworden wäre. Tatsächlich wird die Stromleitung auch nicht von S.I.O.T. betrieben, sondern vom Stromversorger TERNA. Nach Informationen des italienischen Senders TGR Friuli Venezia Giulia ermitteln die Anti-Terror-Einheit von Polizei und Staatsanwaltschaft in Triest sowie der Staatsschutz der Carabinieri. Auch Geheimdienste sollen sich für den Vorfall interessieren, berichten Medien aus der Region Friaul.
Ein Video, das der Sender TGR ausstrahlte, zeigt den etwa fünfzig Zentimeter oberhalb seines Betonfundaments umgeknickten Strommast und eindeutige Schnittstellen an den Stahlträgern, die zum Umknicken des Mastes führten. „Das Vorgehen war sicherlich nicht ohne Risiko“, heißt es. Die Stelle ist nach Informationen von IPPEN.MEDIA nur zehn Minuten Fußweg von einer Straße entfernt, sie ist ohne Probleme zu erreichen, auch Mountainbiker sind hier unterwegs. Zunächst war von einem Erdrutsch die Rede gewesen.
Die Sabotage-Maßnahmen müssen sich dem Sender zufolge zwischen zwei Inspektionen am 26. Februar und 25. März ereignet haben. Es sei möglich, dass der Mast nicht sofort umknickte. Die Reparaturarbeiten wurden am 29. März, abgeschlossen. Der Anwohner Cesare Cedulini berichtete dem Sender TGR: „Die Drähte berührten fast die Bäume. Der Arbeiter, mit dem ich sprach, sagte mir, dass sie seiner Meinung nach mit einem akkubetriebenen Trennschleifer durchtrennt wurden.“
Ein weiterer Anwohner, der den Schaden offenbar entdeckt hatte, arbeitete früher selbst für den Stromversorger. Er berichtet gegenüber Il Gazzettino: „Sie haben die beiden Stützen bergseitig durchtrennt, also entgegen der Leitungsrichtung, wodurch sich der Mast von allein neigt und kippt.“ Seiner Meinung nach sei der Schnitt präzise und wohlüberlegt ausgeführt worden. Wäre der Schnitt weiter unten erfolgt, wäre die Reparatur komplizierter gewesen. „Letztendlich waren es die Kiefern, die den Mast stützten.“
Wer steckt hinter dem Anschlag? Pipeline ist nicht im Interesse Russlands
Doch es stellt sich die Frage: Wer könnte hinter der Sabotage stecken? Eine Hypothese besagt, dass die Täter lediglich die elektrische Infrastruktur angreifen wollten oder sich der Verbindung zur TAL-Pipeline nicht bewusst waren. Eine zweite Hypothese geht davon aus, dass die Täter wussten, dass die Leitung das SIOT-Pumpwerk in Paluzza mit Strom versorgte. Allerdings sind dort eigentlich Methan-Blockheizkraftwerke als Notfalloption für einen Stromausfall installiert. Diese sind allerdings bisher nicht betriebsbereit – eine Information, die nicht öffentlich zugänglich war.
Ein Journalist vor Ort erklärt gegenüber IPPEN.MEDIA: „Gegen eine Sabotageaktion von Anarchisten spricht, dass kein Bekennerschreiben vorliegt, das in solchen Fällen schnell auftaucht.“ Eine weitere Erklärung könnte der lokale Widerstand gegen die Methan-Kraftwerke bieten, von denen vier Stück in der Region installiert wurden. Die Aufregung habe sich aber seit drei Jahren gelegt.
Die TAL-Pipeline widerspricht allerdings eindeutig russischen Interessen: Im Januar 2025 wurde der Abzweig nach Tschechien eingeweiht. Der tschechische Ministerpräsident Petr Fiala feierte im zentralen Öltanklager in Nelahozeves die Unabhängigkeit von russischem Erdöl. Zuvor stammte die Hälfte der Energielieferanten über die Druschba-Pipeline aus Russland. Im April 2022 hatten Mitglieder der „Letzten Generation“ versucht, die TAL-Pipeline in Bayern zu sabotieren. Sie drangen in die Schieberstation Niederambach bei Freising ein und konnten aufgrund eines ausgelösten Alarms von der Polizei festgenommen werden. 1972 war die Pipeline Ziel eines Anschlags gewesen, zu dem sich die Bewegung „Schwarzer September“ bekannte – die Terrorgruppe, die 1972 das Münchner Olympia-Attentat verübte. An der TAL-Pipeline verursachte Sprengstoff nur geringen Schaden.
Der Anschlag auf die TAL-Pipeline hat die Politik in Berlin längst erreicht. Der bayerische Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz (CSU) aus Ebersberg, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Energie der CDU/CSU-Fraktion, postete bei X: „Der Anschlag auf die TAL-Pipeline zeigt einmal mehr, wie verwundbar wir sind bei Fragen der kritischen Infrastruktur – es gibt hier keine vollständige Sicherheit, aber wir müssen mehr in Resilienz investieren, und zwar dauerhaft. Quellen: TGR Friuli Venezia Giulia, Il Gazettino, eigene Recherche (jw)

Quelle: merkur.de


